Von Arthur Conan Doyle bis Fred Vargas

- Ein Interview mit Diplom-Bibliothekar Manfred Welsch -

Overath liegt im Bergischen Land, mit dem CityExpress der Deutschen Bundesbahn nur wenige Minuten von Köln entfernt. Etwa 26.000 Einwohner leben in dieser Stadt an der Agger, darunter zahlreiche Krimi-Leser. Keiner kann bessere Informationen über das Leseverhalten der Overather Bevölkerung geben als Diplom-Bibliothekar Manfred Welsch.  
Reiner M. Sowa besuchte die Stadtbücherei im Rahmen einer Lesung und führte das nachfolgende Interview per eMail.

Krimi-IQ: Herr Welsch, Sie sind während Ihrer Arbeitszeit von Tausenden Büchern umgeben. Können Sie sich noch an das erste Buch erinnern, das Sie gelesen haben?

Welsch: Als Kind hatte ich ein kleines Märchenbuch mit den Geschichten von Pinocchio, Gullivers Reisen und dem Zauberer von Oz. Insbesondere an die phantasievollen Illustrationen kann ich mich noch heute gut erinnern. Mit sieben Jahren war ich dann ein absoluter Fan von Disneys "Dschungelbuch" und musste alles davon haben, dazu gehörte natürlich auch eine Buchausgabe mit den Bildern aus dem Film.

Krimi-IQ: Und welches war der erste Krimi?

Welsch: Den ersten echten Krimi habe ich erst später gelesen, das war ein Sammelband mit Arthur  Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten.

Krimi-IQ: Doyles Sherlock Holmes ist ein Detektiv aus Passion, der den Leser an seinen intellektuellen Denksportaufgaben teilnehmen lässt. Braucht man eine Passion für Ihren Beruf? Oder anders gefragt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Bibliothekar zu werden?

Welsch: Das hat sich im Laufe meiner Schulzeit allmählich herauskristallisiert, als ich merkte, dass die Arbeit mit Büchern und anderen Medien mir lag. In diesem Beruf komme ich mit vielen verschiedenen Inhalten, Methoden und nicht zuletzt auch mit Menschen in Kontakt, und das gefällt mir.

Krimi-IQ: Sie verwalten mit Ihren Mitarbeitern einen immensen Buchbestand. Müssen Sie die Bücher, die Sie verleihen, auch selbst lesen?

Welsch: Nein, aber ich lese unzählige Buchbesprechungen.

Krimi-IQ: Wie viele Kriminalromane gibt es bei Ihnen?

Welsch: Inklusive der Kinder-Krimis 946 Titel. Thriller habe ich nicht einbezogen.

Krimi-IQ: Wie viele davon stammen von deutschen Autoren?

Welsch: Das kann ich nur schätzen: vielleicht 20 %. Beliebt sind z. B. die schwarzhumorigen Romane von Ingrid Noll oder die Katzenkrimis von Akif Pirincci

Krimi-IQ: Stimmt es, dass die Kriminalromane amerikanischer Schriftsteller am häufigsten ausgeliehen werden?

Welsch: Jedenfalls die Angloamerikanischen, aber die Skandinavier sind auch sehr beliebt. Ständig in der Krimi-Top-Ten vertreten sind Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti und Henning Mankells Wallander-Krimis. Gern gelesen werden auch historische Krimis wie die von Ellis Peters, Celia L. Grace, Paul Harding oder Anne Perry. Hier fällt mir auch noch eine deutsche Autorin ein: Barbara von Bellingen mit ihren Krimis um die junge Gret Grundlin, die im mittelalterlichen Köln spielen.

Krimi-IQ: Vielleicht würden Ihre Besucher vermehrt auf deutsche Kriminalromane zurückgreifen, wenn deren Anzahl in Ihrem Bestand größer wäre.
Welche Altersgruppen lesen Krimis?

Welsch: Alle von jung bis alt. Der jüngste Krimi-Leser ist sieben, der älteste 87.  

Krimi-IQ: Gehören eher Frauen oder eher Männer zu den Krimi-Liebhabern

Welsch: In der Overather Bücherei eher Frauen als Männer, schon allein weil der Anteil der Männer an der Gesamtzahl der Entleiher sehr gering ist. Stichproben haben ergeben, dass Männer eher Thriller und Spionageromane ausleihen als Krimis im engeren Sinne.

Krimi-IQ: Regionalkrimis erfreuen sich in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt einer großen Beliebtheit. Entspricht das auch dem Ausleihverhalten Ihrer Besucher?

Welsch: Absolut. Ihr eigener Krimi "Ein Bestatter fährt zur Hölle" z. B. ist seit seinem Zugang am 21.12.2000 bis heute (12.3.2001) bereits fünfmal ausgeliehen worden (bei einer Leihfrist von 4 Wochen). Ein echter Renner unter den Regionalkrimis ist Frank Schätzings "Tod und Teufel", aber die Köln-Krimis gehen generell sehr gut.

Krimi-IQ: Ihre Bücherei liegt im Stadtkern, und zwar im Bürgerzentrum. Unmittelbar vor Ihrem Gebäude erstreckt sich ein weitläufiger Parkplatz. Reicht diese Lage als Anreiz, die Stadtbücherei zu besuchen, oder müssen Sie darüber hinaus die Menschen zum Lesen motivieren?

Welsch: Overath hat ca. 26.000 Einwohner, von denen ca. 2000 – 3000 jährlich als aktive Benutzer die Angebote der Bücherei wahrnehmen. Im gesamten Jahr zählen wir ca. 38.000 Besucher. Eine Stadtbücherei muss natürlich ständig auf dem Laufenden bleiben, d. h. durch einen aktuellen und vielseitigen Medienbestand, kulturelle Veranstaltungen, Multimedia-Angebote und benutzerorientierte Dienstleistungen ihre Attraktivität und Modernität steigern. Nur so werden auch bisherige Nichtbenutzer auf die Bücherei aufmerksam und kommen dann auch gerne wieder. Laufende Öffentlichkeitsarbeit und eine gesicherte Finanzierung sind unabdingbar für eine erfolgreiche Bücherei.

Krimi-IQ: Diese Medien- und Büchervielfalt in Ihrem Haus kann auch verwirrend sein. Nach welchen Kriterien beraten Sie die Besucher Ihrer Bibliothek?

Welsch: Ganz individuell je nach Interessenlage der Benutzer.

Krimi-IQ: Lassen Sie uns das an einem praktischen Beispiel veranschaulichen: Nehmen wir an, ein Büchereibesucher hat noch nie einen Kriminalroman gelesen. Welchen Krimi würden Sie ihm zu Beginn empfehlen?

Welsch: Das kommt natürlich aufs Alter an. Aber als "klassische" Krimis für den Einstieg in dieses reiche Genre würde ich vorschlagen: "Der Hund von Baskerville" von Arthur Conan Doyle, "Zehn kleine Negerlein" von Agatha Christie und "Die Morde in der Rue Morgue" von Edgar Allan Poe. Für Kinder gibt es unzählige Krimi-Reihen, die nach wie vor sehr beliebt sind, so z. B. die Alfred-Hitchcock-Reihe "Die drei ???" und Enid Blytons "Fünf Freunde" oder die " Rätsel"-Reihe

Krimi-IQ: Haben Bücher mit einem festen Einband eine längere Lebensdauer?

Welsch: Wenn sie gut gebunden sind, ja. Bei der zunehmenden Fließbandproduktion der Verlage nähert sich die Lebensdauer eines Hardcoverbuches allerdings immer mehr der Lebensdauer eines Taschenbuchs an. Die Verschleißrate steigt sichtlich - wohl auch ein Symptom unserer modernen Wegwerfgesellschaft mit ihrer kaum mehr zu bändigenden Informationsflut.

Krimi-IQ: Apropos Informationsflut: Die Zahl der Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt ist sicherlich auch für einen Profi, wie Sie es sind, nicht mehr überschaubar. Wer entscheidet in Ihrer Bibliothek, welche Bücher angeschafft werden?

Welsch: Das mache ich selbst, ich greife aber gerne Anregungen und Wünsche von Mitarbeiterinnen bzw. Benutzern auf.

Krimi-IQ: Welchen Krimi haben Sie zuletzt gelesen?

Welsch: "Bei Einbruch der Nacht" von Fred Vargas – sehr empfehlenswert, wobei das Etikett "Krimi" etwas unzulänglich ist für diesen spannenden und ungewöhnlichen Roman.

Krimi-IQ: Herr Welsch, Sie haben in diesem Interview viele Kriminalromane genannt, die Sie mögen, die aber auch bei Ihrem Büchereipublikum beliebt sind. Nähere Informationen zu diesen Titeln habe ich daher im Krimi-Shop auf dieser Website aufgenommen. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

© by Reiner M. Sowa 2001

Frühere Themen des Krimi-IQ finden Sie hier .

 [zum Krimi-Shop]

[zurück zur Startseite]

Wenn Sie nach weiteren Büchern stöbern möchten, suchen Sie im Stöberkasten Ihre Kategorie und klicken auf "Los".

   


Hurenkommissar
Bestellen Sie das Buch hier!

Krimi-IQ

Sie lesen Krimis? Sie schreiben Krimis? Sie interessieren sich für die Hintergründe von Kriminalromanen? Dann sind Sie auf dieser Seite richtig! Ziel dieser Website ist es, Ihre Krimi-Kenntnisse zu erweitern. Dazu wird Ihnen jeweils ein Thema vorgestellt, das in regelmäßigen Abständen ausgetauscht wird. Wenn Sie eine Anregung für eine bestimmte Problematik haben, die Ihrer Meinung nach im Krimi-IQ dargestellt werden könnte, schreiben Sie uns hier. Falls Ihr Thema von allgemeinem Interesse ist, wird Reiner M. Sowa es bearbeiten.

Die Zahl der Krimi-IQ-Abonnenten hat sich im letzten Jahr mehr als verdoppelt. Möchten auch Sie informiert werden, wenn der neue Krimi-IQ erscheint?
Dann lassen Sie sich - frei und unverbindlich -  in die Liste der Krimi-IQ-Abonnenten aufnehmen. Zur Aufnahme klicken Sie hier.

Frühere Themen des Krimi-IQ finden Sie hier. 

Bild
Kriminalistisches Lehrbuch
Dieses Werk wurde für die Ausbildung von Polizei- und Kriminalbeamten entwickelt. Es bietet eine systematisch aufbereitete Darstellung der Aufgabengebiete und -inhalte der deutschen Polizei.

Bild
Todesermittlungen
Das Buch führt in die Grundlagen der Todesermittlung ein, zeigt Kriterien auf, die helfen sollen, ein Fremdverschulden zu erkennen und beschreibt anhand zahlreicher Fälle aus der Praxis Erscheinungsformen des Todes.  

Bild
Kriminalistik Lexikon
Sämtliche kriminalistischen Fachbegriffe werden meist so erklärt, dass sie auch für interessierte Laien verständlich sind. Das Lexikon gibt es nur als gebundene Ausgabe.  

Bild
Kriminaltechnik und Spurenkunde
Der Leitfaden bietet eine Einführung in Kriminaltechnik und Spurenkunde. Es geht u. a. um das Erkennen der Spur am Tat- oder Ereignisort, die Zuordnung der Spuren sowie die Untersuchung und Auswertung der Spuren. 


Reiner M. Sowa:
Ein Bestatter in dunkler Vergangenheit
Ein Geflecht aus Gegenwart und Historie, das in die Abgründe der Vergangenheit des Bensberger Schlosses führt, als es Nationalpolitische Erziehungsanstalt und KZ-Außenlager war.