Späte Leichenerscheinungen

- Von der Fäulnis bis zur Skelettierung -

Sollten Sie noch nicht über Informationen zu den frühen Leichenerscheinungen verfügen, erscheint es mir ratsam, zunächst den Krimi-IQ 7 zu lesen. Mit der dort beschriebenen Totenstarre und den Totenflecken wird der biologische Verwesungsprozess eingeleitet.

Die nachfolgenden Ausführungen sind keineswegs umfassend, sondern sollen lediglich einen Eindruck verschaffen, welchen Belastungen die Polizei bei der Leichenschau ausgesetzt ist. Viele Krimi-Autoren beschreiben die Ängste ihrer Protagonisten beim Leichenfund, und das mit recht. Bereits das Lesen der verschiedenen Verwesungsprozesse kann Unbehagen auslösen, weshalb ich sensiblen Krimi-IQ-Lesern  empfehlen möchte, sich die weiteren Einzelheiten zu ersparen und vielleicht in den Krimi-Shop zu wechseln.

1. Fäulnis und Verwesung

Als Autolyse bezeichnen Fachleute die Fäulnis und die Verwesung. Es handelt sich um unterschiedliche aufeinanderfolgende Prozesse der Leichenzersetzung, die in der Regel eine Stunde nach dem Ableben beginnen. Zunächst wird der Bauch- und Brustraum und nach längerer Zeit der gesamte Körper von der Autolyse eingenommen.
Beim Verwesungsprozess treten zunächst die Adern  hervor und nehmen eine blau-grüne Färbung an, die sich später fleckenartig auf die jeweiligen Körperteile ausweitet. Nach etwa achtundvierzig Stunden ist die Bauchhaut je nach Umgebungstemperatur grün anzusehen. Zudem schwillt der Körper an und nimmt an Volumen zu. Die Oberhaut löst sich vom Muskelgewebe, wobei sich ab dem siebten Todestag sogenannte Faulwasserblasen an den gelösten Stellen bilden. Es vergehen annnähernd zwei Wochen bis die Oberhaut des Leichnams aufplatzt.  
Begleitet wird der Verwesungsprozess von einem Leichengeruch, der sich bei fortgeschrittener Fäulnis verstärkt. 
Bereits nach Todeseintritt legen Fliegen und andere Insekten ihre Eier in den Augen- und Nasenöffnungen bzw. den Mund ab und beschleunigen so den Verwesungsprozess. Die erste Madengeneration schlüpft nach etwa vierundzwanzig Stunden. Der kundige Gerichtsmediziner kann anhand der Größe der Maden u. a. deren Generationsfolge feststellen und dadurch auf die Todeszeit schließen.  
Auf diesen extravaganten Fachbereich der Kriminalistik hat sich vor allem der Kriminalbiologe Mark Benecke spezialisiert. Als forensischer Entomologe weiß er, dass sich als erste die Schmeißfliege auf einer Leiche niederlässt, gefolgt von der Latrinenfliege, der Käsefliege, dem Speck- und Pelzkäfer. Mark Benecke kann anhand der Mundwerkzeuge die Larven bestimmen und wurde durch sein Gutachten für die Pastor-Meyer-Mordkommission, mit dem er das Alibi des Geistlichen zerstörte, als Kommissar "Schmeißfliege" allgemein bekannt.

2. Fettwachsbildung und Mumifizierung

Fettwachs entsteht bei vollständigem Fehlen von Luft z .B. unter Wasser oder in einem luftundurchlässigen Lehmboden. Hierbei wandelt sich das Körperfett in eine wachsartige Masse, die den Leichnam wie ein Panzer konserviert. Dieser Prozess beginnt nach etwa sechzig Tagen.

In bewegter Luft mit einem geringen Feuchtigkeitsgehalt verdunstet die Körperflüssigkeit, das Gewebe trocknet aus und der Leichnam schrumpft. Es kommt zu einer Mumifizierung von Körperteilen, die eine schwärzliche Färbung annehmen. Häufig ist dies bei Erhängten in luftigen und trockenen klimatischen Verhältnissen zu beobachten.

3. Die Skelettierung 

Fäulnis und Verwesung, aber auch Tierfraß führen dazu, dass das gesamte Körpergewebe vom Knochengerüst gelöst wird. Bestimmte Gerichtsmediziner sind heutzutage in der Lage, das Aussehen einer skelettierten Leiche zu rekonstruieren, so dass auch entsprechende, für eine Fahndung geeignete Aufnahmen vom früheren Gesicht des Opfers hergestellt werden können.

Diese Ausführungen sollen zu diesem Fachgebiet als allgemeiner Überblick genügen. Weiteres Hintergrundwissen zum Todesermittlungsverfahren sowie dem Erkennen eines Fremdverschuldens bietet das Fachbuch Todesermittlungen, erschienen im Kriminalitik-Verlag, das ich vor allem Krimi-Autoren nur empfehlen kann. Weitere Informationen zu diesem Buch finden Sie hier.

© by Reiner M. Sowa 2003

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